72. Führungsgespräch in Berlin

ENTREPRENEURSHIP VS. INTRAPRENEURSHIP
– Dosierung von innen- und außengerichteten Impulsen der digitalen Transformation

Angesichts der Digitalisierung und der sich – wie derzeit nur allzu deutlich wird – weltweit verschärfenden ökologischen Herausforderungen ist die Veränderungs- und Innovationsfähigkeit von Unternehmen in besonderer Weise gefordert. Querschnittstechnologien brechen Branchengrenzen auf und führen zu neuen wettbewerbsstrategischen Konstellationen. In dieser Situation führen inkrementelle Innovationsschritte nicht mehr zum Erfolg und binden sogar Ressourcen auf dem Weg in eine strategische Sackgasse. Disruptive Innovationen und Geschäftsmodelle treten in Konkurrenz zum vielfach noch profitablen Kerngeschäft von etablierten Unternehmen. Sie lassen langjährig optimierte Wertschöpfungsketten erodieren und neue Wertschöpfungsnetzwerke entstehen.

Dieses Problemfeld war im März Gegenstand des 72. Führungsgesprächs der Wissenschaftlichen Gesellschaft für marktorientierte Unternehmensführung. Etwa 45 Mitglieder und Gäste der Wissenschaftlichen Gesellschaft trafen sich zur Diskussion möglicher Innovations- und Transformationsstrategien in der Hauptstadtrepräsentanz der Telekom in Berlin. Konkret wurden anhand verschiedener Erfahrungsberichte aus der Praxis etablierter Unternehmen und junger Startups verschiedene Schlüsselfragen debattiert: Wie sieht heute das Spektrum und Portfolio an Instrumenten aus, die außerhalb oder innerhalb von Unternehmen eingesetzt werden, um Innovations- und Transformationsimpulse zur erfolgreichen Geschäftsentwicklung aufzunehmen? Welche Instrumente sind in welcher Situation sinnvoll, wie lassen sie sich kombinieren? Und welche Rolle spielt die Unternehmensführung für eine erfolgreiche Umsetzung von Innovationsimpulsen?

Eine Status-quo-Analyse durch Wissenschaft und Praxis zu Beginn des Führungsgesprächs attestierte der deutschen Wirtschaft zunächst erheblichen Nahholbedarf in der ideellen und finanziellen Förderung der Innovations- und Gründungskultur: Beim Zugang von Gründern zu Wagniskapital fällt Europa beispielsweise weit hinter die USA und Asien zurück. Gleichzeitig müssen Unternehmen sich aber in nahezu allen Branchen auf disruptive Entwicklungen einstellen, denen nur mit einer offeneren Innovationskultur und vollem Engagement der Unternehmensführung begegnet werden kann. In vielen Unternehmen bestehen trotz der eher negativ bewerteten Ausgangslage jedoch bereits Tendenzen, Innovation zu fördern und Digitalität zu leben, wie Erfahrungsberichte aus verschiedenen Branchen zeigten.

Welche Instrumente konkret für die Umsetzung von Innovation und Transformation eingesetzt werden – ob Spinups, Acceleratoren, Startups oder Partnerschaften mit Digitalunternehmen – hängt immer stark vom Unternehmen selbst und dessen Entwicklungsstadium ab. In allen Bereichen scheint jedoch der Konsens zu bestehen, dass die Fokussierung auf eine Innovationsstrategie effektiver ist als die Verteilung von Engagement und Ressourcen auf verschiedene kleinere Ansätze. Auch die Bedeutung von Transparenz gegenüber den betroffenen Anspruchsgruppen und volles Commitment im Handeln der Unternehmensführung wurden branchenübergreifend als Erfolgsfaktoren betont.

Ein Ausblick auf die zu erwartende digitale Zukunft zum Abschluss des Führungsgesprächs führte einmal mehr die Dringlichkeit der diskutierten Transformationsprozesse vor Augen. Außerdem ließ er die Frage nach einer staatlichen Regulierung von Nebeneffekten der Digitalisierung aufkommen. So werden digitale Plattformunternehmen zukünftig aufgrund von Netzwerkeffekten, globalen Marktzugängen und Grenzkosten von nahezu Null immer mehr zu Monopolen konvergieren. Der Wettbewerb muss deshalb ggf. durch regulative Instrumente in entsprechenden Märkten sichergestellt werden. Dies wird aber zumindest derzeit von der Politik in Deutschland, die sich nur allzu oft mit kleinteiligen Marktregulierungen aufhält, noch nicht ausreichend fokussiert. An diesem Punkt der Diskussion schloss sich der Kreis zur Status-quo-Analyse vom Beginn des Führungsgesprächs; denn nur wenn neben der Wirtschaft auch die Politik die Zukunftstendenzen erkennt und darauf reagiert, können in Deutschland Trends aufgegriffen und internationale Innovationen entwickelt werden.

Wie die Zukunft der marktorientierten Unternehmensführung hierbei aussieht, welche Rolle Marketing in einer Digitalökonomie spielt und inwiefern etablierte Unternehmen und Digital Player hier voneinander lernen können, soll auch beim nächsten Führungsgespräch im November 2017 in Leipzig weiterführend diskutiert werden. In jedem Fall scheint klar zu sein: Wir müssen Marketing weiterdenken, wie schon der Titel dieser nächsten Veranstaltung fordert.

 

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