AI, Marketing & Leadership
86. Führungsgespräch | März 2026
Die zunehmende Integration von AI in Marketing, Kundenmanagement und Führungsprozesse verändert derzeit grundlegend, wie Unternehmen Entscheidungen treffen und Wertschöpfung organisieren. Vor diesem Hintergrund widmete sich das 86. Führungsgespräch der Wissenschaftlichen Gesellschaft für marktorientierte Unternehmensführung diesen Entwicklungen und eröffnete einen differenzierten Blick auf aktuelle Anwendungen, strukturelle Anforderungen und neue Führungsverständnisse. Dabei wurde deutlich, wie intensiv und vielschichtig der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zu diesen Fragestellungen geführt wird.
Prof. Dr. Thorsten Posselt von der Universität Leipzig eröffnete das Führungsgespräch mit einem Blick für das große Ganze. Seine Einordnung der aktuellen Entwicklungen als Teil einer neuen industriellen Revolution verlieh dem Thema Tiefe und Orientierung. Dabei wurde deutlich, dass sich der Fokus zunehmend von visionären Erwartungen hin zu konkreten, praxistauglichen Anwendungen verschiebt.
Über eine Live-Schaltung ins Silicon Valley war es möglich, die Expertise des aus Halle an der Saale stammenden Gründers, Stefan Groschupf, einzubeziehen. Groschupf gründete die Unternehmen Datameer, automation.hero und centrum-ai und wurde als Mitentwickler der Hadoop-Software und Inhaber mehrerer Softwarepatente bereits 2003 als einer der „100 wichtigsten jungen Deutschen“ eingestuft. Heute gehört er im Silicon Valley zu den „AI-Veteranen“ und arbeitet mit centrum.ai daran, die weltweit erste deterministische AI-Plattform für die risikobasierte Lieferketten-Optimierung anzubieten. Zum Einstieg sprach er über die zentralen AI-Topics, die derzeit im Silicon Valley diskutiert werden. Er zeichnete ein differenziertes Bild vom globalen AI-Wettbewerbsumfeld sowie der enormen Entwicklungsgeschwindigkeit, die dazu führt, dass AI-Anwendungen in allen Wirtschaftssektoren und Institutionen an Relevanz gewinnen werden.
Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis
Ein besonderer Moment entstand im Kamingespräch mit Prof. Dr. Philipp Slusallek vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und Ingo Kretzschmar, CEO der Thalia Bücher GmbH. In der Diskussion wurde greifbar, wie sehr sich Organisationen im Wandel befinden. Im Mittelpunkt standen Daten, Strukturen und Zusammenarbeit sowie die Frage, wie neue Technologien im Arbeitsalltag verankert werden können. Prof. Slusallek betonte, dass KI-Systeme Führung brauchen und man auch nicht ohne Regulatorik auskommt. Unternehmen müssen mit KI-Erfahrungen sammeln (KI-Sandbox-Ansätze). Es gilt dabei zu beachten, dass KI nicht neutral ist, denn die Werte und Normen der Menschen, stecken in dem System drin. Ingo Kretschmar, berichtete über erste Anwendungserfahrungen und mit einem Verweis auf die Einführung des „Tolino-Readers“ betonte er, dass Kooperationen innerhalb sowie außerhalb der eigenen Branche ein wichtiger Erfolgsfaktor seien. Gleichzeitig wurde von beiden Gesprächspartnern hervorgehoben, dass menschliche und soziale Interaktionen weiterhin ein zentraler Bestandteil von Führung bleiben wird.
Am zweiten Tag zeigten konkrete Anwendungsbeispiele die Bandbreite aktueller Entwicklungen. Stefanie Wurst, CEO der antoni GmbH, gab Einblicke in die Transformation kreativer Prozesse und machte deutlich, dass der Einsatz von AI-Technologien bei der Entwicklung von Markenkampagnen neue Möglichkeiten eröffnet, ohne die Bedeutung menschlicher Kreativität zu ersetzen. Ergänzt wurde diese Perspektive durch Thomas Rüdel, Gründer und CEO von Kauz.ai, der die Situation im Mittelstand einordnete und anhand konkreten Anwendungen vorführte, wie über die Plattform von Kauz.ai gerade im Mittelstand gute Voraussetzungen geschaffen werden, AI-Tools in die bestehenden Geschäftsabläufe zu integrieren.
Auch die Rolle von Führung wurde differenziert betrachtet. Stefan Ebener, Head of Customer Engineering bei Google Deutschland, beschrieb ein erweitertes Führungsverständnis, in dem technologische Unterstützung und menschliche Fähigkeiten zusammenwirken. Johannes Meier von der HHL Leipzig Graduate School of Management zeigte ergänzend, wie sich Organisationen verändern, wenn neue KI-Technologien und KI-Agents in bestehende Strukturen integriert werden.
Ein anschauliches Beispiel aus der Praxis lieferte Hannes Gläser, Head of Digital, CX & Data Analytics bei RB Leipzig. Seine Einblicke verdeutlichten, wie datenbasierte Entscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette eingesetzt werden und sowohl operative als auch strategische Prozesse unterstützen.
Abschließend zeigte sich, dass sich der Einsatz von AI in einer Phase befindet, in der sich erste praktische Anwendungen zunehmend etablieren, während zugleich strategische, organisatorische und kulturelle Fragen an Bedeutung gewinnen. Die Beiträge aus Wissenschaft und Praxis machten deutlich, dass der Mehrwert insbesondere dort entsteht, wo technologische Möglichkeiten mit menschlicher Erfahrung, Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein verbunden werden.























